|
Leseprobe aus: Clemens
Lieber Clemens,
manche Worte enthüllen mehr, als schwarz gedruckte Buchstaben allein zu zeichnen vermögen. Aber sagt mir, geschätzter Herr, ist Euer Herz wahrlich so traurig, wie es hier erscheint? Eure wunderbar geflochtene Sprache offenbart einen wachen Verstand, der gefällt; und gleichsam kleidet dieses zur Schrift gebracht Erdachte die Tatsachen in edles Gewand, damit womöglich Unliebsames nicht unbedacht zutage treten möge. Seid indes gewiss, lieber Clemens, dass die Verzweiflung kein Kind meines Herzens ist. Ich tanze gerne mit dem Sonnenschein, selbst wenn Nebel liegt oder Wolken das Himmelblau ummanteln, denn bei Tage scheint die Sonne immer! Nun, werter Herr, verzeiht mir meine Neugierde, wenn ich mich nach Eurem Handwerk erkundige, aber welche Tätigkeit erhellt den Euren Tag? Ich hoffe zumindest, sie ist Euch eine ebenso erquickende Freundin, wie es die meinige ist. Darf ich mehr über Euer Tun erfahren? Zögert nicht, das Siegel zu brechen und dem Netzwerk der Moderne Eure Gedanken anzuvertrauen. Mein Postfach würde sich freuen, erneute Nachricht empfangen zu dürfen Doch mein Geist und Körper brauchen Schlaf. Darum sage ich an dieser Stelle Gute Nacht - und träume bereits von morgen.
Liebe Grüße, Selina
Liebste Selina,
wie war Eure Nacht? Mein Schlaf hat mich im Traume zu Euch geführt. Ja, ich gestehe es! Bedauerlicherweise lässt mich ein Gedanke nicht aus seiner mächtigen Umklammerung: Die Buchstaben meiner kürzlich an Euch gerichteten Nachricht mögen eine traurige Spur auf Eurem Herzen hinterlassen haben. Da- rum sei hiermit kundgetan, dass in meiner Brust ein sonniges Gemüt Heimat genießt! Kein Schrei der Hoffnungslosigkeit gellt in meiner Erinnerung und keine Leere, sich von Kummer ernährend, ist in mir gewachsen, um mich mit düsterer Schwermut zu belasten. Es ist nur die Wallung eines Gefühls, das der Schreiberlust den Sinn der eignen Worte erst zu weisen sucht, als würde man von stiller Sehnsucht getrie- ben, eilends den Weg durch den schaukelnden Wellenkamm des le- bensgetränkten Meeres hin zu einem ungewöhnlichen Ort zu finden. Mit meinem alltäglichen Selbst bin ich an eine Tätigkeit gebunden, die es mir mit einem berufsbegleitenden Studium erlauben soll, ir- gendwann meinen geheimen Traum zu verwirklichen und damit in der Theaterwelt mitzuwirken. Und wie erlebt Ihr es, meine allerliebste Selina, welch wunderbare Berufsfreundin schreitet treu an Eurer Seite? Überhaupt mag ich meine Bewunderung für Eure Person nicht länger zu verbergen. So lasset mich nicht bitten und flehen, sondern an ei- ner weiteren der Euren Gedankenreisen teilhaben!
Ergebenst, Bild © Christina Gasser Clemens
|